Hannchen Jensen – Geschichte einer nordhessischen Torte

Meine Großeltern verbrachten Anfang der 70er Jahre einige Sommer in einer kleinen, netten Pension in Nordfriesland und wurden regelmäßig von der Gastgeberin mit einer Mandarinentorte begrüßt und verwöhnt. Meine Großmutter ließ sich ohne zu zögern das Rezept aushändigen und verbreitete es viral im Gudensberger Schwimmbad. Es ist nicht ganz klar, ob Wassertropfen auf das Wort „Mandarine“ gelangten und daraus ein Stachelbeer-Derivat wurde. Die Gelehrten streiten noch heute über diese Entstehung dieser Abweichung. In meiner Familie wurde meist die Mandarinen-Varianten verzehrt, zu meiner Hochzeit sogar dreistöckig. Meine Oma wollte keine fremden Lorbeeren ernten (keine Angst, diese Variante gibt es nicht), daher taufte sie die Torte auf den Namen „Hannchen Jensen“ – der Name der Gastwirtin.

Hannchen Jensen Torte

Woher kommt die Hannchen Jensen-Torte?

Man kann diese köstliche Obst-Sahne-Torte mit Baiser Krokant Krone nicht nur in weiten Teilen Deutschlands finden, auch das US-amerikanische Wall Street Journal rätselte, woher der Name käme („The Cake which steal the party„). Ich war um einen aufklärenden Kommentar nicht verlegen und erhielt auch bald eine Nachfrage vom amerikanischen Food Blog Spoonsful of Germany, weitere Informationen, Hintergrundberichte und das Originalrezept zu liefern. Das tat ich gerne und verweise hiermit auf diesen Blogpost, der auch Fotos und Interviews mit meiner Oma und mir beinhaltet. Ich freue mich auf eine Neuauflage des Kochbuches „Spoonsful of Germany“, so dass diese nordhessische „Modetorte“ (Dr. Oetker Backbuch) bald im amerikanischen Raum ihre Kreise zieht – vielleicht auch wieder im Schwimmbad.

3 thoughts on “Hannchen Jensen – Geschichte einer nordhessischen Torte

  • April 22, 2017 at 12:56
    Permalink

    Bei uns in der Familie (meine Großmutter kommt aus Widddershausen) heißt sie Hansen-Jensen Torte und wird mit Kirschen statt Mandarinen gemacht.

    Ich stieß gerade auf diesen Beitrag, nachdem ich eine gebacken hatte und mal schauen wollte, wo der Name eigentlich herkommt 🙂

    Reply
  • Juni 9, 2017 at 17:31
    Permalink

    Im Dorf (Dreihausen bei Marburg), in dem ich groß geworden bin, hat die Torte noch einen weiteren, von Schwimmbadtorte abgewandelten Namen: „Boadeostaltskuche“ (Badeanstaltskuchen).
    Und zwar seit 1981, als eine Nachbarsfrau an der Kaffeetafel zur Konfimation meiner Schwester der Torte diesen Namen gab. Die alte Bauersfrau saß in Tracht am Tisch mit unseren Verwandten, von denen einige aus Frankfurt kamen, was sie sehr beeindruckte und auch einschüchterte. Dazu muss gesagt werden, dass sie nur Platt sprach und bei uns zu Hause Hochdeutsch gesprochen wurde. Als sie nun von meiner Mutter gefragt wurde, von welchem Kuchen sie ein Stück haben wolle, versuchte die alte Frau in ihrer Not Hochdeutsch zu sprechen und sagte den unvergessenen Satz: „Aich hätt gern e Stick vu dem Boadeostaltskuche“. Sie dachte wohl, Badeanstalt sei das vornehme Wort für Schwimmbad.
    Warum die Torte Schwimmbadtorte genannt wurde, wusste übrigens damals niemand mehr. Seit der Konfimation meiner Schwester 1981 heißt die Torte in meinem Heimatdorf jedenfalls auch „Boadeostaltskuche“ – und ich bin mir nicht sicher, ob die meisten, die die Torte noch heute so nennen, wissen, weshalb sie so genannt wird.

    Reply
    • August 11, 2017 at 14:22
      Permalink

      vielen Dank fürs Teilen dieser schönen Geschichte!

      Reply

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.